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Wie entsteht Stottern?

Auf diese Fragen möchte ich hier versuchen, eine Antwort zu geben. Ich stelle eine Theorie über die Ursachen des Stotterns vor. Es geht dabei um das so genannte idiopathische Stottern, also jenes Stottern, das ohne erkennbare äußere Ursachen und meist im Kleinkindalter erstmalig auftritt, beim überwiegenden Teil der betroffenen Kinder von selbst oder mit therapeutischer Hilfe wieder verschwindet, bei einigen jedoch chronisch wird. Diese chronischen Stotterer machen weltweit ungefähr ein Prozent der Bevölkerung aus.

Nach den Ursachen des Stotterns wird schon lange gesucht, und es gibt viele Theorien darüber. Die systematische wissenschaftliche Erforschung begann vor etwa hundert Jahren. Dank der neuen technischen Möglichkeiten in der Hirnforschung wissen wir inzwischen sehr viel darüber, was in den Gehirnen von Stotterern anders ist als in den Gehirnen von Menschen, die nicht stottern. Außerdem ist es in den letzten Jahren gelungen, im Erbgut von Familien, in denen Stottern häufig vorkommt, einige Mutationen dingfest zu machen, mit denen die Sprechstörung vermutlich im Zusammenhang steht. Es ist aber bisher nicht gelungen zu erklären, warum Personen mit diesen Abweichungen im Gehirn oder im Erbgut nun stottern – also warum sie ungewollt Wörter oder Teile von Wörtern wiederholen, Laute dehnen und manchmal überhaupt nichts herausbekommen.

Die Theorie, die ich auf diesen Seiten vorstelle, versucht eine solche Erklärung zu geben. Es ist wichtig, zu betonen, dass es sich nur um eine Theorie handelt – um eine Beschreibung, wie es sein kann. Ich behaupte also nicht, dass es so ist. Eine so komplexe Theorie wie die hier vorgeschlagene muss sich über längere Zeit als Denkmodell bewähren, der Kritik standhalten, von künftigen Forschungsergebnissen bestätigt werden, um irgendwann als gültige Theorie Anerkennung zu finden.

 

Wichtige Änderungen und Ergänzungen des Textes

8.7.2016: Abbildung 17 ergänzt.
 
23.6.2016: Absatz im Abschnitt 2.2 hinzugefügt.
 
4.4.2016: Abbildung 18 im Abschnitt 5.5 geändert (Anmerkung).
 
14.2.2016: Neuen Abschnitt 5.2 eingefügt (Anmerkung).
 
Ältere Änderungen

 

Zusammenfassung der Theorie

Die Rolle der auditiven Rückmeldung und die Rolle der Atmung bei der Verursachung des Stotterns wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Bekanntlich wird durch Veränderungen der auditiven Rückmeldung das Stottern oftmals vermindert, und bestimmte Atemübungen werden bei der Behandlung des Stotterns mit Erfolg eingesetzt, doch der diesen Wirkungen zugrunde liegende Mechanismus ist bis heute kaum verstanden. Hier wird eine Theorie vorgeschlagen, derzufolge das chronische idiopathische Stottern hauptsächlich durch vorübergehende Störungen der auditiven Rückmeldung der Sprache, aber auch durch ein Defizit bei der propriozeptiv-kinästhetischen Rückmeldung der Atmung verursacht wird. Die Rückmeldungsdefizite werden auf eine Fehlverteilung der Aufmerksamkeit während des Sprechens zurückgeführt. Es wird angenommen, dass durch diese Rückmeldungsdefizite die Enden von Sprecheinheiten (also z.B. von Wörtern oder Silben) und/oder die Enden von Einatemphasen durch eine Kontrollinstanz innerhalb des Steuerungssystems nicht erkannt werden, was dazu führt, dass die nachfolgende Sprecheinheit blockiert wird. Die Theorie liefert Erklärungen für die Entstehung des kindlichen Stotterns, für die Art und Weise, wie Stottern chronisch wird, für die typische Verteilung von Stotterereignissen innerhalb der Rede und für die Variabilität des Stotterns in Abhängigkeit von Umgebungsfaktoren.

Stottern, Ursachen, Theorie: Stottern versus Sprechfehler-Korrektur

Die fbeiden Abbildungen zeigen den Kern der Theorie. Oben: Sprechfehlererkennung und -korrektur (links) und Stottern (rechts) basieren auf demselben Mechanismus: Der Monitor (innerhalb der gelben Linie) verhält sich in beiden Fällen gleich; jedoch ist beim Stottern eine falsche Fehlermeldung die Ursache seiner Reaktion. Unten: Die Ursachenkette für ein primäres Stottersymptom.
 

 Stottern, Ursachen; Kausalkette

 
Die wichtigsten Thesen der Theorie sind:

Die obere Abbildung zeigt den Kreislauf des chronischen Stotterns und die verstärkende Wirkung einiger Sekundärsymptome. Die entscheidenden Teile des Teufelskreices sind der Fokus auf dem Stottern und die daraus resultierende Fehlsteuerung der Aufmerksamkeit während des Sprechens. Gerade diese Teile des Teufelskreises werden durch einige Sekundärsymptome verstärkt.
Die untere Abbildung zeigt den Einfluss von Faktoren, die vermutlich eine physischen Prädisposition für Stottern begründen, sowie den Einfluss psychischer Faktoren. Wie in der oberen Abbildung, ist die Schnittstelle zum eigentlichen „Stotter-Mechanismus“ – also jenem Teufelskreis, der einmal etabliert, sich selbst am Laufen hält – die (Fehl-) Steuerung der Aufmerksamkeit (aus Darstellungsgründen ist der „Teufelskreis“ gegenüber der oberen Abbildung gedreht).

 Stottern, Ursachen: Teufelskreis, Sekundärsymptome

 

 Stottern, Ursachen: physische Veranlagung, psychische Faktoren

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Zur Orientierung auf diesen Seiten

Nicht zufällig habe ich ein Labyrinth als Logo gewählt: Die Theorie, die ich hier vorstelle, besteht aus vielen Teilen, die miteinander zusammenhängen. Irgendwie musste ich die Teile in eine Reihenfolge bringen, die der Leser aber nicht unbedingt einhalten muss. Die eigentliche Theorie des Stotterns ist in den Kapiteln 2 und 3 dargestellt. Das erste Kapitel behandelt das normale Sprechen und die Rolle, die das Hören der eigenen Rede für die Sprechsteuerung spielt. Dieses Kapitel ist recht umfangreich. Es enthält einige Annahmen, die von gängigen Vorstellungen abweichen und die die Basis der vorgeschlagenen Theorie des Stotterns bilden.

Die Darstellung der Theorie ist auf mehrere Seiten verteilt. Man kann vom Inhaltsverzeichnis aus auf jede dieser Seiten gehen, kann aber auch von Seite zu Seite blättern. Fußnoten sind verlinkt; man kann von der Fußnote zur betreffenden Stelle im Haupttext zurückspringen. Literaturverweise stehen in eckigen Klammern und sind unten auf der jeweiligen Seite aufgelistet. Die vollständigen Quellenangaben stehen im Literaturverzeichnis. Für Kritik und Anregungen an meine E-mail-Adresse bin ich jederzeit dankbar. Die öffentliche Diskussion der Theorie ist möglich im Forum der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V.

Es gibt eine englische Version dieser Website. Dort sind die Verweise zu (ebenfalls fast immer englischsprachigen) Artikeln in wissenschaftlichen Zeitschriften direkt verlinkt. Viele dieser Artikel sind komplett frei zugänglich, von den übrigen kann man zumindest die Zusammenfassung lesen. Die englische Version enthält zudem weitaus mehr Verweise als die deutsche Version, in der ich zur Zeit nur notwendige Aktualisierungen vornehme. Beachten Sie, dass in der englischen Version die deutschen Kapitel 2 und 3 zu einem Kapitel (2) zusammengefasst sind. Entsprchend sind die deutschen Kapitlel 4 und 5 in der englischen Version die Kapitel 3 und 4. Der englische Text ist keine 1:1-Übersetzung des deutschen Textes.

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Empfehlungen für Betroffene

Diese Website richtet sich vor allem an Fachleute und an theoretisch Interessierte. Aus der vorgestellten Theorie über die Ursachen des Stotterns lassen sich jedoch Konsequenzen für die Behandlung der Störung ableiten. Auf dieser Grundlage habe ich eine Reihe von Empfehlungen für Betroffene und für Eltern stotternder Kinder formuliert. Dabei handelt es sich nicht um neue Methoden, sondern um solche, die seit langem bewährt sind und die sowohl in Selbsthilfe-Seminaren als auch von professionellen Therapeuten angewandt werden. Neu ist allenfalls die Kombination der Methoden. Sie finden diese Tipps unter „Selbsthilfe“.

 

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